Xiaomi, schon lange ein Big Player in der Smartphone-Branche und berühmt dafür, tolle Technik zum kleinen Preis auf den Markt zu bringen, hat mit dem Mi Mix ein Gerät vorgestellt, das ins Auge sticht: Seine Front besteht fast nur noch aus Bildschirm. Rechtfertigt das alleine den hohen Preis?

Als wir die ersten Pressebilder des Mi Mix sahen, erging es uns wie wahrscheinlich vielen Smartphone-Verrückten: Es hat gekribbelt irgendwo im Hypothalamus und der „Will-haben“-Reflex wurde ausgelöst. Denn ein Smartphone mit so wenig Rand um das Display, das gab es noch nie.

Ernüchterung machte sich deshalb breit, als das Gerät bei uns eintraf. Der Abstand zwischen Display-Außengrenze und Gehäusekante ist zwar klein, aber eben nicht so klein, wie einen die Abbildungen glauben machten. Zwei Millimeter sind nicht nichts. Dennoch muss man anerkennen, dass es wohl noch nie ein Telefon gab, bei dem die Anzeige so dominant war. Angaben von knapp 84% Display-Anteil an der gesamten Front kursieren im Netz.

Das dürfte stimmen. Gestützt wird dieser Eindruck durch die Bauweise: Nur ein schmaler Streifen unten leuchtet nicht. Aber wo sind dann die Sensoren, die Selfie-Kamera und vor allem die Hörmuschel (also der kleine Lautsprecher, den man sich ans Ohr drückt, um zu telefonieren)? Der schwarze Punkt für das Selbstporträt ist auf die Unterseite gewandert, für Selfies sollte man das Handy deshalb drehen. Der Lautsprecher hingegen ist nach innen gerutscht: unter das Display. Dieser unvermeidbare Schritt hat leider zur Folge, dass die Wiedergabequalität leidet. Die Gespräche wirken nicht so klar wie mit konventionellen Hörschlitzen.

Keramik: wertig aber rutschig

Aber bleiben wir noch an der Oberfläche. Das Gehäuse des Mi Mix ist angeblich aus Keramik gemacht. Angeblich deshalb, weil Xiaomi das so kommuniziert, wir es aber nicht verifizieren können und haptisch kein großer Unterschied zu Glas besteht. Das Material spiegelt, ist rutschig (so rutschig sogar, dass man beim Fotografieren Angst hat, die Flunder entgleite den gespreizten Fingern) und Fingerabdrücke lassen sich dort mit Vorliebe nieder. Mit Gehäuse ist übrigens wirklich auch Gehäuse, also das ganze, gemeint. Sogar Rahmen und Tasten sind aus Keramik gefertigt. Bruchstabil kann das fast nicht sein. Hochwertig wirkt es dennoch.

Sehr helles Display

Über dem Bildschirm liegt natürlich keine Keramik-, sondern eine Glasscheibe. Sie schützt die 2.040 x 1.080 Bildpunkte des IPS-Panels, der trotz seiner enormen Größe von 6,4 Zoll scharf wirkt und außerdem sehr hell strahlt. An der Stelle muss man aber auf die Hauptqualität des Konzeptes hinweisen: Das Mi Mix hat einen um ein halbes Zoll größeren Bildschirm (6,4“) als das Huawei Mate 9 (5,9“) – jedoch bei fast identischen Gehäusemaßen, nämlich gleicher Breite und nur 3 mm mehr bei der Länge. Die Bauweise ermöglicht also größere Displays bei besserer Handlichkeit.

Zwei Varianten im Inneren

Das Mi Mix ist wohl Xiaomis bislang teuersten Smartphone – in beiden Varianten, die angeboten werden. Die günstigere für unter 700 Euro ist mit einem 4 GB-RAM ausgerüstet und bietet 128 GB an internem Speicher. Die 60 Euro teurere Version kann auf 2 GB mehr beim Arbeitsspeicher zurückgreifen und gar das doppelte Speichervolumen beim ROM. Da ist eigentlich verständlich, dass man auf einen SD-Slot verzichtet hat. Den braucht in beiden Fällen wirklich keiner mehr.
Dieser Speicherübermacht dennoch ebenbürtig ist der Prozessor. Der aktuelle Qualcomm-Riese Snapdragon 821 mit maximal 2,35 GHz hat überzeugende Benchmark-Ergebnisse geliefert, jedoch trotz Keramikkleid nicht zu thermischen Höhenflügen angesetzt.

Laut chinesischem Hersteller soll – und das hängt bekanntlich mit der Prozessortechnologie zusammen – das Mi Mix per Quick Charge 3.0-Schnellladeverfahren wieder energetisch auf Vordermann gebracht werden. Leider konnten wir das gelieferte Ladegerät nicht verwenden und maßen deshalb mit einem Netzteil mit gleicher Ausgangsleistung. Die knappe Dreiviertelstunde bis 50% mutet nicht besonders schnell an, doch der Akku ist eben auch 4.400 mAh groß.

Starke Kamera

Schwachpunkt bei starken China-Smartphones ist oft die Kamera. Nicht so hier: Das 16 MP-Modul bildet sehr detailreich und farbneutral ab und sackt auch bei wenig Licht nicht eklatant ab. Wir geben fünf Punkte. Die Selfie-Kamera kann überdies Geschlecht und Alter bestimmen. Das funktioniert oft erstaunlich gut, beleidigte aber auch manches Redaktionsmitglied…

Fazit

Billig ist das Mi Mix nicht. Dafür technisch innovativ, stark, gut ausgestattet und es kommt obendrein noch in einem Echtleder-Case. Damit rutscht es auch nicht mehr aus der Hand – hat aber wieder mehr Rand.